Das neue Programm von Pianist Frieder Berlin

24.01.2018 23:22 von jazz (Kommentare: 0)

 

Frieder Berlin - Foto: Hans Kumpf 

Text und Fotografien: Hans Kumpf

 

Jazz-History mit Histörchen

 

Der Pianist Frieder Berlin erzählte auf der Schwäbisch Haller Comburg die „Jazzgeschichte einmal anders“. Im Kaisersaal der Lehrerakademie genossen die Zuhörer applausfreudig eine kurzweilige Unterrichtsstunde von 90 Minuten. Frieder Berlin, 1954 in Bad Mergentheim geboren und in Stuttgart beim Südwestrundfunk als Musikredakteur tätig, ist seit zwei Jahrzehnten ein gern gehörter Stammgast im Kaisersaal der Haller Comburg. Jetzt aber präsentierte der penible Pianist als dortige Premiere sein angenehm persönlich gefärbtes Programm „What’s Jazz? - Jazzgeschichte einmal anders“. Mit dabei Berlins bewährtes Trio mit dem zuverlässigen Bassisten Hansi Schuller und dem subtilen Schlagzeuger Peter Schmidt.

 

Der Blues ist bekanntlich die stilübergreifende Basis des Jazz, und mit einem solchen begann der heitere Lehrabend an der ehrwürdigen „Landesakademie für Fortbildung und Personalentwicklung an Schulen“. Ausgewählt wurde da der markante Nat-King-Cole-Hit „Route 66“, bei dem Berlin zuweilen blockakkordisch vorging und Kontrabass sowie Schlagzeug prägnant kurze Solobeiträge lieferten.

 

Nach den marschmäßigen Jazz-Anfängen in New Orleans fand die galante Swing-Ära der 1930er Jahre eine ausgiebige Würdigung. Da ließ Frieder Berlin vergnüglich „Honeysuckle Rose“ des wohlbeleibten Tastenmeisters Fats Waller und temperamentvoll „Jumping At The Woodside“ von Big-Band-Boss Count Basie erklingen.

 

Frieder Berlin - Foto: Hans Kumpf

 

Dann zum damals revolutionären Bebop und zum Altsaxophonisten Charlie Parker, der „viele Stücke schrieb, die Melodien haben, die schwer nachzusingen sind“ (Originalton Berlin). Als Exempel hierfür stellte das Trio adäquat aufgekratzt die abstrakte Parker-Komposition „Scrapple From The Apple“ vor. Für die fünfziger Jahre hatte Frieder Berlin ein Werk seines Instrumentalkollegen Errol Garner ausgewählt: „Misty“ - „eine der schönen Jazzballaden“, so der Fachmann. Nicht nebulös verloren, sondern liebevoll interpretiert und zart darüber improvisiert wurde bei diesem beliebten Evergreen.

 

Anfang der 1960er Jahren eroberte „Take Five“ in den USA die Single-Charts. Paul Desmond hatte die Nummer im komplizierten Fünfvierteltakt für seinen Bandleader Dave Brubeck komponiert. Das angetane Publikum im prall gefüllten Kaisersaal konnte besonders beim ausdauernden Schlagzeugsolo von Peter Schmidt auftaktig mitzählen: „4-5-1-2-3, 4-5-1-2-3“…

 

Vor einem halben Jahrhundert wurde auch „The Girl From Ipanema“ des Brasilianers Antônio Carlos Jobim zu einem Welthit. Das baden-württembergische Trio arbeitete bei dem Bossa Nova elegant die Leichtigkeit des Seins heraus. Und Free Jazz? Diesen aufregenden Avantgarde-Stil nahm Frieder Berlin weder in den Mund noch unter die Finger. Aber eine wirklich vollständige Darlegung der Jazz-Historie wollte und konnte  Berlin mit seinem Ensemble gar nicht bieten. Dies war in der regulären Konzertzeit von einer Stunde, die sogar noch überzogen wurde, keinesfalls zu bewältigen. Und schließlich die Jazzgeschichte bewusst einmal anders aufgetischt werden.

 

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